Die Saga um die Spin-Galaxie geht weiter. Ähnlich wie im ersten Teil „Die Maschine“ erfordert auch der zweite Teil ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit des Lesers, denn sehr schnell könnte man die Übersicht über die teil verwirrend erscheinende Handlung verlieren. Bannister bleibt seinen Stil treu und entführt den Leser in eine Welt jenseits unserer Vorstellungskraft. Man muss sich schon auf seine außergewöhnlichen Ideen einlassen können, um die ganze Tragweite des Plots zu verstehen. Dieses Mal wirkt die Geschichte auf mich allerdings sogar ein wenig runder als die des ersten Teils. Bannisters Schreibstil ist auch ein wenig anspruchsvoller geworden, möchte ich behaupten, und die Geschichte erschien ausgeklügelter. „Die Verlorenen“ setzt nicht unmittelbar an die Ereignise aus dem ersten Teil an, sondern erzählt erst einmal eine eigene Geschichte. Erst zum Ende hin erkennt man die Zusammenhänge zwischen „Die Maschine“ und „Die Verlorenen“. Ich persönlich hatte auf jeden Fall mehr Spaß als beim ersten Teil, und der hat mir schon gefallen. 😉

Andrew Bannisters Science Fiction-Epos trifft mit Sicherheit nicht jeden Geschmack. Die einen werden die Geschichte entweder überhaupt nicht verstehen oder als extrem langweilig und langatmig empfinden, die anderen  lassen sich auf Schreibstil und Ideen ein und werden mit einer gut durchdachten Welt belohnt, die sehr bildlich beschrieben wird. „Die Verlorenen“ spielt viele tausend Jahre nach den Ereignissen von „Die Maschine“ und zeigt, wie komplex und „episch“ letztendlich das von Bannister erschaffene Universum ist. Im zweiten Teil seiner geplanten Trilogie befasst sich der Autor mit Themen, die sich auch in unserer Welt finden: Sklaverei, politische Unruhen und Meinungsverschiedenheiten. Mit seinem zweiten Roman ist Andrew Bannister auf meiner geistigen Treppe eine Stufe höher gestiegen, denn er beweist auf alle Fälle, dass er innovative Ideen hat und diese auch in einer zuerst kompliziert wirkenden Handlung letztendlich logisch erzählen kann. Das Konstrukt seiner Spin-Galaxie wird durch „Die Verlorenen“ wieder etwas mehr verständlich und lässt unweigerlich auf einen Höhepunkt im letzten Teil hoffen. Bannister denkt, ähnlich wie manchmal Stephen Baxter, nicht in Jahren, sondern in weitaus größeren Zeitspannen, um seine Geschichte zu erzählen. Genau das ist es auch, was den Reiz der Spin-Trilogie für mich ausmacht.

Bannisters Buch, oder besser gesagt: Bücher, machen es dem Leser nicht leicht, das wahre Potential, das hinter dem Plot steckt, zu ergründen. Zu verwirrend ist es manchmal, wenn der Autor seine Sätze mit Wörtern schmückt, die man nicht versteht. Es lohnt sich aber, über solcherart Sätze hinwegzulesen und das Gesamtwerk am Ende auf sich wirken zu lassen. Denn so erschließt sich, wie schon beim ersten Teil, ein ganz besonderes Universum – und im Falle von „Die Verlorenen“ sogar an manchen Stellen einen unbedingt filmreifes Bild im Kopf des Lesers. „Die Verlorenen“ ist auf jeden Fall ein würdiger Nachfolger von „Die Maschine“ und legt sogar, wie oben schon erwähnt, aus meiner Sicht dramaturgisch und auch erzählerisch noch zu. Es werden mehrere Handlungsstränge abwechselnd erzählt, von denen ich nicht genau sagen kann, welcher mir mehr zugesagt hat. Ich habe mich jedenfalls immer wieder gefreut, in einen davon zurückzukehren, nachdem ich die Ereignisse des anderen verfolgt habe.

Andrew Bannister wird immer wieder vorgeworfen, er hätte Potential in seinen Büchern verschenkt. Ich bin da ganz anderer Meinung, denn sieht man zum Beispiel die ersten beiden Bücher als Gesamtwerk an, so erschließt sich einem doch ganz genau, was Bannister bezweckt. Eine große, Jahrtausende umfassende Geschichte anhand kleiner Begebenheiten zu beschreiben. Die bombastische Tragweite der Ereignisse versteckt sich genau genommen letztendlich zwischen den Zeilen und gerade das stellt für mich einen außergewöhnlichen Reiz dieser Reihe in der Science Fiction-Landschaft dar. Aspekte, die mir bei „Die Verlorenen“ besonders gut gefallen hat, sind die fantastischen Beschreibungen unglaublicher Dinge. Denkende und sprechende Raumschiffe zum Beispiel (Iain Banks „Die Spur der toten Sonne“ lässt grüßen) oder Lebewesen (Rennläufer), denen alle unnötigen Organe entfernt wurden, damit sie schneller laufen können. Ich liebe solcherart Ideen und Andrew Bannister kann das hervorragend beschreiben. Es lohnt sich aus meiner Sicht, sich durch die komplexe Handlung zu kämpfen, denn, wie erwähnt, das Gesamtbild, das im Kopf des Lesers zurückbleibt, ist für mich ausschlaggebend.

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Fazit: Komplexer, ideenreicher und meiner Meinung nach unterschätzter zweiter Roman der Spin-Trilogie.

© 2017 Wolfgang Brunner für Buchwelten